Wie Streuung wirkt — und wo sie aufhört
Korrelation, verdeckte Konzentration und der Unterschied zwischen mehr Positionen und mehr Streuung.
Was mit Streuung gemeint ist
Streuung — im Fachkontext auch Diversifikation — bezeichnet die Verteilung eines Betrags auf mehrere voneinander verschiedene Positionen. Die dahinterliegende Überlegung ist alt und mathematisch gut beschrieben: Wenn Einzelergebnisse nicht vollständig gleichlaufen, gleichen sich Abweichungen teilweise aus. Die Schwankungsbreite des Gesamtergebnisses fällt dann geringer aus als der Durchschnitt der Einzelschwankungen.
Entscheidend ist dabei ein Wort, das häufig überlesen wird: verschieden. Streuung wirkt nicht über die Anzahl der Positionen, sondern über deren Unterschiedlichkeit. Dieser Beitrag beschreibt, wie dieser Zusammenhang funktioniert — und an welcher Stelle er endet.
Korrelation als zentrale Größe
Der Grad der Unterschiedlichkeit wird über die Korrelation beschrieben. Sie ist eine statistische Maßzahl zwischen −1 und +1 und gibt an, wie stark sich zwei Größen in der Vergangenheit gemeinsam bewegt haben.
- +1 — beide bewegten sich vollständig gleichläufig.
- 0 — es bestand kein linearer Zusammenhang.
- −1 — beide bewegten sich vollständig gegenläufig.
Je niedriger die Korrelation, desto stärker der ausgleichende Effekt. Über drei Eigenschaften dieser Kennzahl herrscht regelmäßig Unklarheit.
Korrelation ist rückwärtsgewandt
Sie wird aus historischen Daten berechnet. Eine niedrige Korrelation der vergangenen zehn Jahre ist keine Zusage für die kommenden zehn.
Korrelation ist nicht stabil
In Phasen ausgeprägter Marktbewegungen steigen gemessene Korrelationen häufig deutlich an. Ausgerechnet dann, wenn der ausgleichende Effekt am stärksten gebraucht würde, fällt er schwächer aus als in ruhigen Zeiträumen gemessen.
Korrelation ist keine Ursache
Ein statistischer Gleichlauf sagt nichts darüber aus, ob eine Größe die andere beeinflusst. Beide können auf einen dritten, nicht betrachteten Faktor reagieren.
Streuung reduziert das, was sich ausgleichen kann. Sie beseitigt nicht, was alle Positionen gleichzeitig betrifft.
Zwei Arten von Risiko
Die Fachliteratur trennt zwei Bestandteile. Der spezifische Anteil betrifft eine einzelne Position — etwa ein Ereignis in einem einzelnen Unternehmen. Dieser Anteil lässt sich durch Streuung deutlich verringern.
Der systematische Anteil betrifft alle Positionen eines Marktes gleichzeitig — etwa eine allgemeine Neubewertung von Zinsniveaus. Dieser Anteil bleibt bestehen, unabhängig von der Anzahl der Positionen. Genau hier endet die Wirkung von Streuung.
Verdeckte Konzentration
Ein praktisch bedeutsames Problem ist die Konzentration, die auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Sie tritt in mehreren Formen auf:
- Überschneidung. Mehrere breit angelegte Sammelanlagen können in erheblichem Umfang dieselben zugrunde liegenden Titel enthalten. Die Zahl der Positionen wirkt hoch, die tatsächliche Unterschiedlichkeit ist es nicht.
- Gewichtungseffekt. Ist eine Sammlung nach Größe gewichtet, können wenige sehr große Bestandteile den überwiegenden Anteil ausmachen — auch bei nominell hunderten Einzelpositionen.
- Gemeinsamer Treiber. Positionen aus unterschiedlichen Ländern oder Branchen können auf dieselbe ökonomische Größe reagieren, etwa auf Energiepreise oder Wechselkurse.
Nicht „auf wie viele Positionen ist verteilt?“, sondern „wovon hängen diese Positionen gemeinsam ab?“ — die zweite Frage beschreibt die tatsächliche Streuung.
Wo der Zusatznutzen abflacht
Empirische Untersuchungen zeigen seit Jahrzehnten ein wiederkehrendes Muster: Der ausgleichende Effekt nimmt mit den ersten zusätzlichen Positionen stark zu und flacht danach deutlich ab. Ab einer gewissen Zahl bringt jede weitere Position rechnerisch kaum noch Wirkung, während Aufwand und Kosten weiter steigen.
Die konkrete Zahl unterscheidet sich je nach Untersuchung, Zeitraum und Markt erheblich — sie ist keine feste Größe. Verlässlich ist nur die Form des Zusammenhangs: abnehmender Zusatznutzen, kein linearer Verlauf.
Was Streuung nicht leistet
Streuung ist ein Verfahren zur Verringerung von Schwankungsbreite, kein Schutzmechanismus. Sie verhindert keine Verluste, sie sichert keinen Betrag und sie ersetzt keine Auseinandersetzung mit den Eigenschaften der einzelnen Positionen.
Zusammengefasst
Streuung wirkt über Unterschiedlichkeit, nicht über Anzahl. Ihre Wirkung ist messbar, aber begrenzt: Sie greift beim spezifischen Anteil und endet beim systematischen. Und sie beruht auf Kennzahlen, die aus der Vergangenheit stammen und sich verändern können.
Verwendete Quellenarten
- Publikationen und Statistiken europäischer und schweizerischer Aufsichts- sowie Statistikbehörden (Begriffsdefinitionen, Erhebungsmethodik).
- Öffentlich zugängliche Zeitreihen mit dokumentierten Metadaten (Prüfung von Größenordnungen).
- Lehrbücher und Übersichtsarbeiten der Finanzwissenschaft (Definitionen und die dort genannten Einschränkungen).